10 Jahre nach dem Weltjugendtag: Wir sind ein Stück internationaler geworden

Vor zehn Jahren trafen sich in Köln hunderttausende Jugendliche und junge Erwachsene zum XX. Weltjugendtag. Knuth Erbe war von 1999 bis 2005 BDKJ-Bundesvorsitzender und im Organisationskomitee des XX. Weltjugendtags 2005 in Köln. Wie oft er zu den vielen Vorbereitungstreffen vom Jugendhaus in Düsseldorf nach Köln unterwegs war, weiß er nicht mehr. Im Interview berichtet er über die Rolle des BDKJ bei der Vorbereitung und Durchführung und seine Eindrücke vom Weltjugendtag.

Papst Benedikt bei einer Tour auf dem Rhein (Foto: Christian Schnaubelt)

Papst Benedikt bei einer Tour auf dem Rhein (Foto: Christian Schnaubelt)


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Ich fühle mich wie mein Koffer

Koffer

Kofferpacken: Jedes Mal habe ich das Problem, dass bei der Rückreise der Koffer voller zu sein scheint, als bei der Hinreise. Ich habe nur zwei kleine Souvenirs drin und trotzdem bekomme ich ihn nicht zu. Also noch einmal von vorn. Alles wieder raus, neu zusammenlegen, nochmal rein. Beim dritten Anlauf klappt‘s. Der Koffer ist zu. Jetzt kann es zum Flughafen gehen.

Ich fühle mich wie mein Koffer. Die vielen Eindrücke, die ich hier beim Weltjugendtag sammeln konnte, sind mehr, als ich im Moment richtig einsortieren kann:

Da sind die Pilgerinnen und Pilger, die begeistert von den Tagen der „Missionarischen Woche“ beim Weltjugendtag berichten: Die Begegnung mit Gleichaltrigen in den Gemeinden in Brasilien. Die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die weniger „haben“ und glücklicher sind. Die Begeisterung in den Gottesdiensten, die einfach überschnappt – Begeisterung über die befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu. Welche Impulse gehen aus diesen Glaubens- und Lebenserfahrungen für mich aus?

Da ist die schier unübersehbare Menschenmenge hier in Rio de Janeiro, am Strand der Copacabana, drei Millionen sollen es gewesen sein, die hier den Kreuzweg gebetet, Vigil gehalten, Eucharistie gefeiert haben. Drei Millionen, die gemeinsam ihren Glauben feiern, gemeinsam schweigen, gemeinsam singen, gemeinsam Gott loben. Wo können junge Menschen in unseren Gemeinden solche prägenden Erfahrungen machen, wenn sie ihren Glauben feiern wollen?

Da sind diese vielen Gesten und Worte von Papst Franziskus. Treffen mit offiziellen Vertretungen des brasilianischen Staates und der Ortskirche genauso, wie Besuche in einer Favela, einer Drogenklinik, einem Jugendgefängnis. Und überall mahnt er Dialog und Begegnung an und verkündet die hoffnungsvolle Botschaft des Evangeliums. Er fordert die jungen Menschen zur Unruhe auf, um unsere Kirche zu gestalten, aber mahnt auch zur Einheit der Generationen. Er drängt dazu, sich nicht in Pfarreien, Schulen, Gemeinschaften – und ich denke auch in unseren Verbänden – einzuigeln und nur für sich da zu sein, sondern hinaus zu gehen an die Ränder der Gesellschaft um den Menschen durch Wort und Tat Hoffnung, Zukunft, Leben zu bringen. Wo sehe ich meine Grenzen, die ich überwinden muss, um die Menschen zu erreichen in meinem Dienst, das Evangelium zu verkünden – in Wort und Tat?

Mein Koffer ist jetzt zu voll, aber er ist zu. Ich bin auch voller Eindrücke. Hier beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro ist ganz viel aufgerissen worden, was bisher wohlgeordnet schien. Hoffentlich bleibt es nicht beim Event, das ein paar Erinnerungen bereithält, sondern bewegt tatsächlich was – in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche, und vor allem in mir …

Kopfschütteln

Beim WJT kommen viele verschieden Kulturen zusammen. Foto: KNA / Oppitz

Beim WJT kommen viele verschieden Kulturen zusammen. Foto: KNA / Oppitz

Ja, Rio ist gefährlich! Und Rio ist ein einziges Chaos! Und was man aus Rio so hört, bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen: Verkehrschaos, Organisationschaos, Regenchaos, …

Ich bin jetzt seit über einer Woche hier, lerne mehr und mehr die Stadt und die Mentalitäten kennen, erlebe, wie immer mehr Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt in diese Stadt strömen, mit ihrer Fröhlichkeit anstecken … oder ist es nicht eher auch umgekehrt? Weltjugendtage sind auch eine kulturelle Begegnung. Und jeder Weltjugendtag hat seine eigene Prägung, die auch der Ortskirche, die diesen vorbereitet, verantwortet. Und das nicht nur kulturell, sondern auch organisatorisch. Meine Erfahrung nach vier Weltjugendtagen ist, dass die Organisatoren sich immer alles gut durchdacht haben – auch, wie sie die Menschenmassen unterbringen, lenken und jeweils direkt zu ihren Zielen führen wollen. Doch versteht man das als Besucher mit einer anderen Kultur und einer anderen Organisationsdenke immer richtig? Oder ergibt sich nicht auch so manches Missverständnis, weil die Organisatoren anders gedacht haben, wie die deutschen Verantwortlichen, anders geplant haben, wie die Pilgerinnen und Pilger aus Simbabwe es gewohnt sind, anders reagieren, als australische Teilnehmende es erwarten? Und wir reden hier von 400.000 bis am Ende vermutlich 2,5 Millionen Menschen, die ganz unterschiedliche Gewohnheiten und Organisationen kennen und leben.

Ich bin froh, dass der Weltjugendtag immer wieder eine solche kulturelle Herausforderung bietet. Es gibt andere globale Großereignisse, die in regelmäßigen Abständen rund um die Welt reisen. Diese kommen wie ein Ufo auf eine Stadt oder ein Land herab, haben feste Gewohnheiten und auch feste Sponsoren, die fast alles Einheimische vertreiben. Das sind Feste für Menschen, die sich nicht auf andere Länder und andere Kulturen einlassen können oder wollen, wo es wohl auch mehr um Gewohnheiten und Kommerz, als um die Begegnung der Menschen geht. Der Weltjugentag bekommt nur wenige Vorgaben aus Rom, alles Organisatorische muss Ortsüblich geklärt und entschieden werden. Gott sei Dank! Ich liebe diese Herausforderung zur Veränderung, zum Umdenken, zum Erleben von Neuem! Alles andere wäre mir zu steril – dann kann ich gleich zuhause bleiben.

Ja, manche Gruppenverantwortliche mussten bei der Registrierung 10 Stunden und mehr anstehen – und haben mit den Brasilianern Samba getanzt. Die Metro ist 2 Stunden ausgefallen, als man sie am dringendsten gebraucht hätte – und die Pilger haben fröhlich im Regen gesungen. Zum Papstwillkommen sind nicht alle am Strand der Copacabana angekommen – und haben sich halt schnell einen Fernseher mit Liveübertragung gesucht.

Das alles ist bitter – oder eine Herausforderung an die persönliche Flexibilität.

Und wenn ich hier mit den Pilgerinnnen und Pilgern und mit ihren Verantwortlichen rede, dann sind sie ein wenig wegen dieser Dinge genervt, feiern aber weiter sich, ihren Glauben, die Begegnung mit den Menschen aus allen Kulturen dieser Erde!

Und wenn ich lese, dass manche, die in Deutschland sind, nicht zum Weltjugendtag gefahren sind, weil sie ob der Gefährlichkeit und des Unvermögens der Organisatoren schon lange wussten, und jetzt hämische Kommentare und Zeitungsberichte darüber auf facebook teilen, dann nervt mich das mehr, als alles, was ich hier erlebe! Ich habe auch selten was zu Essen bekommen, hatte Angst, an der Bahnstation erdrückt zu werden, brauchte 6 Stunden vom Abschlussgelände zu meinem Bus (angekündigt waren zwei Stunden) – aber nicht in Rio. Das war an einem anderen Weltjugendtag, der von den kritischen Organisationsweltmeistern selbst organisiert wurde … Ich bin froh, dass ich hier sein darf und diesen Weltjugendtag miterleben kann!

 

„Tief beeindruckt“ – Bischof Wiesemann bloggt aus Nova Iguacu

Gestern sind wir von Rio aus in die Nachbarstadt Nova Iguaçu gefahren, um dort den Paderborner Johannes Niggemeier in seinem Projekt zu besuchen. Nova Iguaçu heißt „neues großes Wasser“ und liegt im Norden Rios, ist sogar ein Bischofssitz. Der Himmel ist wolkenverhangen als wir, an Hafen- und Industrieanlagen vorbei, Rio verlassen. Unser Bully-Fahrer Isidoro kennt den Weg, er ist ein Mitarbeiter von Johannes Niggemeier. Triste Ausfallstraßen, eintönig und beliebig, bringen unsere Delegation zunächst zu einer Krankenstation des Projektes AVICRES. Der Name kommt von Associação Vida no Crescimento e na Solidariedade, also „Gemeinschaft für das Leben, damit es wachse in Solidarität“. Dahinter verbirgt sich ein brasilianisches Sozialnetzwerk für die wirklich Ausgeschlossenen in der Gesellschaft, darunter viel zu viele Kinder- und Jugendliche.

„Schön, dass ihr da seid, Bem-vindo,“ begrüßt Johannes Niggemeier uns herzlich vor dem Eingang zur Krankenstation. Vor 28 Jahren kam der Religionspädagoge zum ersten Mal nach Brasilien. Tief beeindruckt von der Befreiungstheologie und überzeugt davon, aus christlicher Motivation etwas tun zu müssen, gründete er 1991 zusammen mit einer Psychologin und einem Pfarrer aus Brasilien ein Projekt, das sich um körperlich und seelisch verletzte Menschen kümmert. In die Krankenstation kommen über 20.000 Leute im Jahr, darunter 7.000 Kinder und Jugendliche. Sie alle können sich die teure private Gesundheitsversorgung im Land nicht leisten.

Später fahren wir weiter in die Stadt hinein. Zerfallene flache Häuser säumen den Weg, selbst die wenigen gepflasterten Straßen haben riesige Schlaglöcher. Mutlosigkeit liegt in den Blicken der Menschen, an denen wir vorbeifahren, nicht selten auch Misstrauen. Johannes erzählt, dass die Lage immer schlimmer wird, seit die Stadt sich vorgenommen hat, die Favelas für die Fußball-WM zu „befrieden“. Polizei und Militär verjagen die Kriminellen, die sich ungestört in andere Stadtteile zurückziehen und diese unsicher machen. „Es gibt Tage“, so  Johannes, „da haben wir zehn Mordopfer und niemanden kümmert es“. Drogen spielen eine Rolle, auch Überfälle sind an der Tagesordnung.

In diesem Klima haben Kinder es unfassbar schwer. Sie erleben tagtägliche Gewalt, auch dort, wo sie Geborgenheit und Liebe erfahren sollten, in der engsten Familie. Dann stehen auch schon mal zwei Mädchen vor dem Tor und bitten darum, im Mädchenhaus des Vereins Zuflucht finden zu können. Früher lebten 20 Mädchen dort, aber seit der Verein auch Tagesbetreuung für Kinder- und Jugendliche aus der Nachbarschaft anbietet, sind am Tag oft bis zu 100 im Haus. Geht es nach dem Staat, so darf es diese Kinder nicht geben, jetzt, wo Rio und Umgebung sich für die kommenden Großereignisse Fußball-WM und Olympische Spiele hübsch machen. Ein neues Jugendgesetz ermöglicht es, solche Heime einfach zu schließen. Die Kinder landen wieder auf der Straße. AVICRES musste vier Heime aufgeben. Seitdem setzt man verstärkt darauf, vorbeugend mit offenen Bildungsangeboten und Tagesbetreuung zu helfen. Was der Verein tut, hat mich tief beeindruckt. Gleichzeitig denke ich darüber nach, wie viel Solidarität und Gerechtigkeit die vielen, vielen Ausgeschlossenen Brasiliens noch brauchen und wie wichtig es ist, dass Papst Franziskus sich an die Seite der Armen stellt. (Bilder: KNA / Harald Oppitz)

Das Projekt wird unter anderem unterstützt vom Erzbistum Paderborn und dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Mehr Informationen unter http://www.avicres.de/wir-werwirsind.htm.

Internationale Botschaften für den Papst

Trotz Regen und für brasilianische Verhältnisse frostigen Temperaturen – oder gerade deswegen – wurde es voll auf der Terrasse der Hafenschule, auf der das International Youth Hearing stattfand. Dass Jugendliche aus aller Welt nach Rio gekommen sind, bietet tolle Gelegenheiten, um miteinander zu beten, Gottesdienst zu feiern und dem Papst zuzujubeln. Aber auch, um gemeinsam zu diskutieren, sich auszutauschen und Visionen aufzustellen. „Sag’s dem Papst – sag’s den Mächtigen“ – stellvertretend für Entscheidungsträger/innen in Kirche, Politik und Gesellschaft stellten sich einige „Promis“ den Fragen der Jugendlichen. Weltweiter Frieden, Zugang zu Bildung für alle, eine Kirche, die Raum für Jugendliche lässt und die Bewahrung der Schöpfung waren zentrale Bereiche, die zur Sprache kamen. Das Interesse der Jugendliche aus sieben Ländern war deutlich erkennbar. Und auch ihr Verlangen,  positive Veränderungen einzufordern sowie selbst dazu beizutragen, die Welt gerechter zu machen. Wie so oft bei solchen Veranstaltungen hätte es für jedes einzelne Thema und für jeden einzelnen Gesprächspartner/in noch so viel mehr Redebedarf gegeben. Das International Youth Hearing, bei dem zusätzlich zur mündlichen Diskussionen und der Vorab-Diskussion im Internet Tücher mit weiteren Forderungen entstanden sind, war viel mehr ein Sammeln von Meinungen und Visionen als eine abschließende Positionierung. Es war eine Plattform, um inhaltlich zu diskutieren. Die Redebeiträge der Promis, die Impulse von verschiedenen sozialen Projekten oder auch die vielen Gespräche am Obstbuffet oder in der Pause geben „Stoff“ mit für die restliche Zeit des Weltjugendtags, vielleicht auch darüber hinaus. Gemeinsam beten ist wichtig, gemeinsam zu handeln auch! (Bilder: KNA / Harald Oppitz)

Einmischen

Novia Iguacu

Novia Iguacu

Morgens brachen wir auf nach Nova Iguacu. Die menschliche Not, die dort zu sehen und zu erleben war, ist bedrückend. Vor allem, wenn einem die Worte des heutigen Papstes nachklingen, dass es Menschen gibt, die wie Müll in der Gesellschaft sind – sie leben im Müll, und sie werden weggeworfen und spielen keine Rolle mehr. Sie sind nicht ausgeschlossen, dann würde sie ja noch jemand bemerken, aktiv mit ihnen umgehen. Nein, sie spielen in der Gesellschaft keine Rolle.

Wir besuchten ein Straßenkinderprojekt. Junge Mädchen, die auf der Straße leben und allenfalls noch als Sexobjekt dienen, finden ein zuhause, ein Zimmer, Anerkennung, Würde. Hier ist die Kirche mit ihrer Botschaft von Jesus Christus präsent und greifbar. Hier müssen wir sein,  an den Rändern der Gesellschaft.

Abends dann, zurück in Rio der Eröffnungsgottesdienst. Die Jugend der Welt feiert ihren Glauben und die Liebe Gottes, die in seinem Wort verkündet und in seinem Mahl zur Nahrung wird. Ein gigantischer Aufwand, faszinierende Lichttechnik, mitreißende Musik, junge Menschen, die im Sand der Copacabana, knien, stehen, beten, singen.

Mit den Erfahrungen vom morgen könnte es keinen größeren Gegensatz geben: Hier die Kirche, die sich den jungen Menschen in all ihrem Elend zuwendet, dort die Kirche, die den feiert, der sie zu diesem Tun gerufen hat.

Das ist Weltjugendtag! Glauben, feiern, Tat – vor allem aber die jungen Menschen, die dies alles erleben, was die Welt heute ausmacht und spürt, dass es an ihnen liegt, sich nicht mit diesen Gegensätzen zufrieden zu geben, sondern sich einzumischen und selbst zu handeln, damit diese Gegensätze überwunden werden!

Die Sache mit dem verlorenen Handy

Das verlorene Handy. Foto: Michael Kreuzfelder

Das verlorene Handy. Foto: Michael Kreuzfelder

Rio ist gefährlich. Bewaffnete Polizisten räumen Favelas. Menschen, die in den Armenvierteln für immer verschwinden. Drogen. Gewalt. Das ganze Elend einer lateinamerikanischen Millionenmetropole. Wahr davon ist wahrscheinlich alles. Erlebt habe ich etwas Anderes.

„Das siehst Du nicht mehr wieder“. Gemeint ist mein Handy. Entweder fährt es in der Corcovado-Bahn immer hoch und runter. Oder liegt noch im Taxi. Und das ist längst über alle Berge. Karte sperren lassen? Bei der Corcovado-Bahn anrufen? „Das siehst Du eh nicht wieder“ – sagen mir die Leute. Sim-Karten-Sperrnummer raus suchen… Echt ärgerlich. Wieder und wieder rufe ich meine eigene Nummer an. Vielleicht hört es ja jemand. Aber: nichts. Echt ärgerlich. Vor allem wegen der Bilder. Und relativ neu war das Ding auch noch. „Das siehst Du nicht wieder“, sage ich mir jetzt langsam auch. Es ist schließlich Rio hier.

Ein Mal probiere ich doch noch anzurufen. Vielleicht liegt es ja im Taxi und der Fahrer hört es. Nix. Wie sollte er mich hier auch finden? Er weiß ja nicht, wo wir nach dem Rauslassen genau hin sind. Ins Restaurant. Ach, ja. Essen. Wahrscheinlich kann der Taxifahrer das Geld gut gebrauchen, dass er beim Verkauf meines Handys bekommt. Vielleicht ist es ja doch in der Corcovado-Bahn? Ich esse und verabschiede mich von meinem Handy, den Bildern und der Hoffnung. Echt ärgerlich.

Ich glaube, ich bin noch nie in meinem Leben einem Taxifahrer um den Hals gefallen. Er kann kein Englisch, ich kein Portugiesisch. Die Sprache einer festen Umarmung verstehen wir beide. Denn damit hätte ich nicht gerechnet.

20 Minuten nach dem ich bemerkt habe, dass es weg ist, kommt der Taxifahrer auf das Restaurant zu. Ich stehe auf, laufe ihm entgegen. Er drückt mir das Handy in die Hand und ich den Taxifahrer. Er hat es Schellen gehört. Bedeutet er mir in Gesten. Dann ist er umgedreht. Hat mich gesucht, gefunden – und glücklich gemacht. Aber auch ein bisschen beschämt. Denn dass das möglich ist, daran hatte ich nicht ernsthaft geglaubt. Warum eigentlich nicht? Weil wir in Rio sind?

Als wir uns verabschieden drückt er mich. Weil er merkt, wie sehr ich mich freue. Weil er merkt, dass er mir eine Riesenfreude gemacht hat. Ja, ich freue mich. Und zwar darüber, dass das hier passiert ist. Mehr noch, als über das Handy. (Michael Kreuzfelder, Pressesprecher mit Handy)

 

Eine Stadt der Gegensätze

Armut in Rio. Foto: Haral Oppitz / KNA

Armut in Rio. Foto: Haral Oppitz / KNA

Seit Mittwoch bin ich in dieser Stadt, die ich sonst nur vom Karneval, Samba und dem Fußball her kannte. Es ist eine Stadt der Gegensätze, wie ich sie sonst noch nirgends erlebt habe. Der Strand von Ipanema, die Copacabana, der Zuckerhut, der Corcovado – ok, das muss und sollte man gesehen  haben. Aber, die 700 (!) Favelas, die augenscheinlich Drogen konsumierenden Menschen, die Nichtsesshaften und Armen dieser unglaublichen Stadt gehören dazu. Genau darum ist es wichtig und richtig ist das der WJT dieses Jahr in Rio stattfindet.

Besonders sind mir die Drogenabhängigen Menschen aufgefallen, ihre Rot unterlaufenden Augen, ihr apathischer Blick. Es ist bei weitem keine Minderheit. Welche Not und welche Machenschaften stecken dahinter? Kartelle und Strukturen, die an diesen Schicksalen ihr Geld verdienen.

Papst Franziskus hat seine Sorge um die Zukunft der Jugend auf dem Hinflug zum Ausdruck gebracht. „Jugendliche Gefahr, Opfer einer Kultur des Abfalls zu werden, die Arbeitslose als nutzlosen Teil der Gesellschaft betrachtet.“ Recht hat er!

Und darum muss der WJT – bei aller Spiritualität, bei aller Kontemplation, bei aller Freude – eben auch ein politischer Weltjugendtag in dieser Stadt der Gegensätze sein.

Neues aus Rom

Papst Franziskus hat sein erstes Lehrschreiben „Licht des Glaubens“ veröffentlicht – und dies als Gemeinschaftsarbeit mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. getan. Benedikt hatte die Enzyklika über den Glauben entworfen, die seine beiden vorherigen Enzykliken über die Liebe und über die Hoffnung ergänzt und zum Abschluss bringt. Zum ersten Mal hat nun ein Papst ein Lehrschreiben seines Vorgängers vollendet und veröffentlicht. In dieser Gemeinschaftsarbeit erkennt man die theologischen Grundlegungen Benedikts und das Anliegen des neuen Papstes, den Glauben in den Dienst der Gerechtigkeit, des Rechts und des Friedens zu stellen.
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