Simon Rapp

Über Simon Rapp

Der gebürtige Allgäuer, Augsburger Diözesanpriester und überzeugte Verbandler übernahm 2009 Verantwortung im BDKJ als Bundespräses. Er ist Ansprechpartner für die Jugendpastoral und die Sternsinger, für die Freiwilligendienste und für Soldatenfragen.

Ihr seid Zeugen dafür! Predigt von Bundespräses Simon Rapp zur Abschlussmesse der BDKJ-Hauptversammlung

Abschlussmesse BDKJ-HV 2015

Am letzten Abend feiern die Delegierten und Gäste der BDKJ-Hauptversammlung gemeinsam Gottesdienst. (Foto: Christian Schnaubelt)

Liebe Schwestern und Brüder!

Was für ein Schluss: „Ihr seid Zeugen dafür!“

Die Jüngerinnen und Jünger, die sich da in Jerusalem getroffen haben erzählen von ihren je eigenen Begegnungen mit dem Auferstandenen. Langsam aber sicher greift die Botschaft um sich, dass die Sendung Jesus in die Welt, die am Kreuz gescheitert scheint, eine wunderbare Fortsetzung erfährt: Er lebt! Sein Weg ist von Gott bestätigt worden, indem dieser ihn mit neuem Leben ausgestattet hat. Und als sie davon erzählen, tritt er in ihre Mitte und wünscht ihnen Frieden, erläutert noch einmal den Heilsplan Gottes mit den Menschen und schließt mit dem Ruf „Ihr seid Zeugen dafür!“

Diese Aufforderung Jesu gilt bis heute und ist nicht auf die Generation beschränkt, die ihn noch live erlebt hat. Es ist eine Aufforderung für jede und jeden von uns. Es ist eine Aufforderung gerade für uns, die wir uns in den katholischen Jugendverbänden in unserem Land und weltweit für Kinder und Jugendliche einsetzen, ihnen Zugang zu einem selbstbestimmten Leben ermöglichen und ihnen Mitwirkungsmöglichkeiten aufzeigen wollen, damit wir gemeinsam Reich Gottes bauen, indem wir Kirche, Welt und Gesellschaft gestalten.

Wie finden Kirche und Welt für junge Menschen zueinander?

In den nunmehr fünfzehn Jahren, die ich seit meiner Priesterweihe in der katholischen Jugendverbandsarbeit mitwirken darf, habe ich unzählige Arbeitskreise erlebt, die sich des „K“ oder wahlweise auch des „C“ in unseren Verbandsnamen, bzw. in unserem Selbstverständnis angenommen haben. Immer wieder kreist die Frage darum, was wir für unser katholisch-christliches Profil tun können, wie Spiritualität in unseren Verbänden aussehen soll, wie Kirche und Welt so zusammenfinden, dass sie in der Lebenswelt von jungen Menschen wirklich eine bereichernde Rolle spielen können.

Es sind Fragen, die sich auch ein wenig aus dem eigenen Erleben speisen, dass wir uns oft selbst schwer tun, unseren innersten Kern auszudrücken, so dass es nicht nur ein Wohlfühlerlebnis ist, sondern uns selbst und diejenigen, denen unser Engagement gilt, betrifft. Uns fehlen oft die Worte und die Gesten, wie wir das, was uns im Innersten selbst bewegt, so zur Sprache bringen, dass es authentisch und echt ist, nicht komisch wirkt oder solange hinterfragt wird, bis wir keine Antwort mehr darauf finden.

Der auferstandene Jesus Christus nimmt den Seinen zuerst die Angst vor dieser neuen Wirklichkeit. Dann deutet er das, was nun ist, anhand der langen Beziehungsgeschichte Gottes mit den Menschen. Er ermutigt sie, dass sie fähig sind, dafür vor Anderen Zeugnis abzugeben.

Die Botschaft der Jünger besitzt eine ungeheure Sprengkraft

Es ist ja nicht so, dass Petrus und die anderen vom Ostermorgen und der ersten Begegnung mit dem Auferstandenen an, wie mutige Glaubensboten durch das Land ziehen und alle mit dieser Botschaft begeistern. Indem sie das, was sie mit Jesus erlebt haben und wovon sie nun, seit seiner Auferstehung zutiefst überzeugt sind, erzählen, ecken sie auch an. Zuerst mit den Mächtigen in Land und Religion, die durch den Tod Jesu erwartet hatten, dass dieser Spuk nun ein Ende hat. Dann aber auch mit Zweiflern und Intellektuellen, mit den einfachen Leuten von der Straße und mit alten Weggefährtinnen und -gefährten.

Messe auf Rothenfels

Die Messe wurde zelebriert von Jugendbischof Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer. BDKJ-Bundespräses Simon Rapp predigte. (Foto: Christian Schnaubelt)

Diese Botschaft, die sie zu verkünden haben, besitzt eine ungeheure Sprengkraft für alle, die sich zu sicher sind in ihrem Leben, die sich eingerichtet haben in dem, was beweisbar, planbar, absehbar ist. Der Gott, von dem die Apostel erzählen, ist immer für Überraschungen gut, weil er sich nicht einsperren lässt, weil er nicht planbar und benutzbar ist, weil er ein Ziel hat: eine lebendige Beziehung mit den Menschen zu begründen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Und dieses Leben in Fülle ist genauso nicht planbar, sondern einfach nur überwältigend und sicherlich ganz anders, als wir es uns je vorstellen können.

Es ist der unbedingte Wille Gottes zum Leben, der hier durchbricht und in der Auferstehung Jesu ein sichtbares und greifbares Zeichen gesetzt hat. Dafür sind sie die Zeugen!

Vielfalt ist ein hohes Gut

In unseren Kinder- und Jugendverbänden und damit auch im BDKJ treffen sich ganz unterschiedliche Menschen. Gerade diese Vielfalt, so wollen wir morgen noch beschließen, ist ein hohes Gut. Wir müssen dabei immer wieder überprüfen, welche Barrieren wir selbst, in unseren Strukturen, aber auch in unseren Köpfen einer ehrlich gelebten Vielfalt entgegensetzen. Diese Vielfalt an Menschen schenkt uns eine Vielfalt an Lebens- und Glaubensgeschichten, von denen jede und jeder Einzelne profitieren kann. Eigentlich müssten wir viel mehr über unsere Lebens- und Glaubensgeschichten ins Gespräch kommen. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind gerade dabei, von ihren ganz unterschiedlichen Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus zu erzählen, als er selbst in ihre Mitte tritt und eine neue Begegnung ermöglicht.

Wir erleben viel Lebendigkeit und Leben in unseren Verbänden, wir ermöglichen und erzählen von Entwicklungen einzelner oder ganzer Gruppen. Für uns steht immer im Mittelpunkt, wie viel echtes, unverfälschtes, neu ermöglichtes Leben wächst. Ich bin davon überzeugt: es ist das Leben, das in der österlichen Botschaft von der Auferstehung Jesu begründet ist. Gott will dem Leben zum Durchbruch verhelfen indem er sogar den Tod überwindet. Erzählen wir uns doch viel öfter davon, wo wir es selbst geschafft haben, oder miterleben durften, wo Barrieren und Blockaden beseitigt werden konnten, damit Kinder und Jugendliche zu ihrem eigenen, auf ihren Fähigkeiten beruhenden, selbstbestimmten Leben gekommen sind. Das sind Ostererzählungen, die uns gut tun, weil wir davon lernen können. Es sind Erzählungen, die die Menschen heute brauchen, wo so viel über Leid und Tod berichtet wird.

Es lebe Christus in deutscher Jugend!

„Ihr seid Zeugen dafür!“ – Diese Aufforderung des Auferstandenen Jesus Christus ganz persönlich anzunehmen, dazu will ich Euch heute Abend ermutigen! Wir haben viel zu erzählen von unserer je eigenen Glaubensgeschichte, von unseren je eigenen Beziehungsgeschichten mit Jesus. Wir brauchen den gegenseitigen Austausch, damit wir mehr als nur vom Leben in unseren Verbänden berichten. Wir brauchen es, damit wir, wie die Jünger in ihrer Begegnung mit Jesus, an den unterschiedlichen Erfahrungen selber wachsen, reifen und ihn immer besser kennenlernen.

Es stimmt nach wie vor, was einst Ludwig Wolker immer wieder verkündet hat: „Es lebe Christus in deutscher Jugend!“ – Es ist ein Ausdruck tiefster Überzeugung, dass dieser lebendige Christus, dieser alle todverursachende Barrieren beseitigende Gott mitten in der jungen Generation unseres Landes, in all ihrer Vielfalt kultureller, religiöser, geschlechtlicher und anderer Prägungen, lebt und Leben bringt. In dieser Überzeugung haben wir unseren Anteil an der Sendung der Kirche – und „Ihr seid Zeugen dafür!“

Amen!

Sag's weiter!

Dankbar für den D-Day

D-Day-Denkmal

Die Landung der Alliierten in der Normandie war am 6. Juni 1944. Dieser Anker wurde anlässlich des 50. Jubiläums als Denkmal aufgestellt. Quelle: CC-by-sa Michael Ely

Anlässlich des 70. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie gedenken wir im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) aller Opfer, insbesondere derer, die ihr Leben für die Freiheit und den Frieden eingesetzt haben. Für unsere junge Generation ist dieses Gedenken insbesondere auch eine Mahnung an unsere stetige Verantwortung, den nach dem Ende des Krieges beschrittenen Weg des Friedens und der Versöhnung weiterzugehen. Weihbischof Klug brachte dies heute im ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Kathedrale in Bayeux auf den Punkt: „Allen Wunden und allem Hass zum Trotz ist es uns gelungen, der Hoffnung auf Versöhnung heilsame Taten folgen zu lassen. Das friedliche und versöhnte Zusammenleben in Europa ist das schönste Denkmal, das wir den Gefallenen setzen können“.

Sag's weiter!

Wahlkampf 65 Jahre nach Verkündung des Grundgesetzes

Simon Rapp, Bundespräses des BDKJ, erinnert anlässlich der Europawahl und fremdenfeindlichen Tönen im Wahlkampf an den wichtigsten Artikel des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt für alle Menschen!

Afrikanische Geflüchtete im Hafen von Lampedusa

Afrikanische Geflüchtete im Hafen von Lampedusa. Foto: CC by 2.0, Sara Prestianni / noborder network

Wenn ich derzeit die Wahlkampf-Parolen, vor allem gegenüber einer bestimmten Gruppe von Zuwanderern nach Deutschland wahrnehme, dann frage ich mich, ob unsere Politikerinnen und Politiker noch die Bestimmungen des Grundgesetzes im Kopf haben. Das wurde heute vor 65 Jahren verkündet. Dort heißt es im ersten Artikel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Artikel spricht nicht allein von den deutschen Staatsbürger/-innen, sondern von allen Menschen, egal welche völkerrechtlichen, sexuellen, religiösen oder ethischen Eigenschaften sie haben.

Es ist die Pflicht des Staates, allen die gleiche Würde zukommen zu lassen. Das impliziert auch das Bemühen um Würde in einer gesicherten Lebenssituation. In der von einigen unseriöis vorangetriebenen Debatte wird nicht die gleiche Würde aller Menschen in den Blick genommen. Da werden Migranten/-innen unterteilt. Auf der einen Seite werden die hochqualifizierten, mit einem sicheren Arbeitsplatz ausgestatteten und deshalb zahlungskräftigen Menschen umworben. Auf der anderen Seite werden Menschen, die sich auf der Suche nach einem gesicherten Leben in unserem Land aufhalten und auf die Unterstützung angewiesen sind, für populistischen Stimmenfang missbraucht. Die einen werden dringend für die Sicherung der sozialen Sicherungssysteme gebraucht, den anderen wird ihre Würde geraubt, wenn sie auf die Unterstützung der sozialen Sicherungssysteme angewiesen sind.

Ja, es gibt auch Menschen, die die sozialen Sicherungssysteme in unserem Land missbräuchlich nutzen. Erwiesen ist aber, dass das nur ein Bruchteil der eingewanderten Menschen betrifft. Darauf weist aber gerade fast niemand mehr hin, sondern es wird eine Stimmung verursacht, die alle Migrant/-innen in einem falschen Licht erscheinen lassen. Von ernstzunehmenden und verantwortungsbewussten Politikern/-innen erwarte ich, dass sie den Sachverhalt auf den Podien dieser Republik darstellen und gegen eine falsche Fremdenfeindlichkeit mit wahrheitsgemäßen Darstellungen ankämpfen.

Wer die europäischen und weltweiten Wanderbewegungen von Menschen aus Armutsgründen verhindern will, muss sich der Lebenssituation in deren Heimat annehmen. Dann muss konkret Hilfe in den armen Ländern geleistet werden, von Projektförderung über Eindämmung von Korruption, sowie Befähigung zu „good governance“.

So kurz vor der Europawahl Forderungen ins Gespräch zu bringen, die die Europäische Freizügigkeit für diejenigen in Frage stellen, die zu den Schwachen und Ausgegrenzten in der Europäischen Union und weltweit gehören, ist unverantwortlich. Sie tragen weder zum gesellschaftlichen Frieden, noch zum Wohl der Menschen bei, die in ihrer Not zu uns kommen!

Aus einem quantitativ kleinen Problem ein großes Wahlkampfgetöse auf Kosten von Menschen zu machen, die die Armut in ihrer Heimat in unser Land getrieben hat, ist unwürdig und wird dem Deutschen Grundgesetz und unserem christlichen Menschenbild nicht gerecht.

Liebe wahlkämpfende Politikerinnen und Politiker: Führt Euren Wahlkampf nicht auf dem Rücken von Menschen, die sich selbst nicht dagegen wehren können, sondern kümmert Euch um die Menschen, die auf die Hilfe des Staates angewiesen sind!

Lisi Maier zu Einwanderung

Für katholisch.de hat Bundesvorsitzende Lisi Maier eine Wahl-o-Mat-These beantwortet.

Sag's weiter!

Gebet: #BringBackOurGirls

IMG_20140509_182917

Regenbogen über Rothenfels. Ein Hoffnungszeichen während unseres Gebets.

Auf der Hauptversammlung denken wir an die über 200 entführten Schülerinnen in Nigeria. Wir schließen uns den vielen Menschen auf der ganzen Welt an, die für sie und ihre Familien beten. Nach einem stillen Gebet brachte Bundespräses Simon Rapp die Bitten der Delegierten der Hauptversammlung ins Wort:

Gott,
„was Ihr dem geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan!“ – diesen Auftrag hat uns Christus mitgegeben.

Angesichts der Nachrichten aus Nigeria, aber auch aus anderen Ländern, wo Kinder und Jugendlichen wie Waren behandelt werden, sind wir ohnmächtig,
wissen wir nicht, wie wir helfen können,
welche Initiativen wir ergreifen sollen.

Nimm unsere Ohnmacht an,
lenke unsere Herzen und das Handeln aller Verantwortlichen,
dass Kinder und Jugendliche überall auf der Welt Anteil haben an Freiheit und Selbstbestimmung.

Und Gott, führe die betroffenen Mädchen in Nigeria zurück zu Ihren Familien.
Amen.

Sag's weiter!

Ich fühle mich wie mein Koffer

Koffer

Kofferpacken: Jedes Mal habe ich das Problem, dass bei der Rückreise der Koffer voller zu sein scheint, als bei der Hinreise. Ich habe nur zwei kleine Souvenirs drin und trotzdem bekomme ich ihn nicht zu. Also noch einmal von vorn. Alles wieder raus, neu zusammenlegen, nochmal rein. Beim dritten Anlauf klappt‘s. Der Koffer ist zu. Jetzt kann es zum Flughafen gehen.

Ich fühle mich wie mein Koffer. Die vielen Eindrücke, die ich hier beim Weltjugendtag sammeln konnte, sind mehr, als ich im Moment richtig einsortieren kann:

Da sind die Pilgerinnen und Pilger, die begeistert von den Tagen der „Missionarischen Woche“ beim Weltjugendtag berichten: Die Begegnung mit Gleichaltrigen in den Gemeinden in Brasilien. Die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die weniger „haben“ und glücklicher sind. Die Begeisterung in den Gottesdiensten, die einfach überschnappt – Begeisterung über die befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu. Welche Impulse gehen aus diesen Glaubens- und Lebenserfahrungen für mich aus?

Da ist die schier unübersehbare Menschenmenge hier in Rio de Janeiro, am Strand der Copacabana, drei Millionen sollen es gewesen sein, die hier den Kreuzweg gebetet, Vigil gehalten, Eucharistie gefeiert haben. Drei Millionen, die gemeinsam ihren Glauben feiern, gemeinsam schweigen, gemeinsam singen, gemeinsam Gott loben. Wo können junge Menschen in unseren Gemeinden solche prägenden Erfahrungen machen, wenn sie ihren Glauben feiern wollen?

Da sind diese vielen Gesten und Worte von Papst Franziskus. Treffen mit offiziellen Vertretungen des brasilianischen Staates und der Ortskirche genauso, wie Besuche in einer Favela, einer Drogenklinik, einem Jugendgefängnis. Und überall mahnt er Dialog und Begegnung an und verkündet die hoffnungsvolle Botschaft des Evangeliums. Er fordert die jungen Menschen zur Unruhe auf, um unsere Kirche zu gestalten, aber mahnt auch zur Einheit der Generationen. Er drängt dazu, sich nicht in Pfarreien, Schulen, Gemeinschaften – und ich denke auch in unseren Verbänden – einzuigeln und nur für sich da zu sein, sondern hinaus zu gehen an die Ränder der Gesellschaft um den Menschen durch Wort und Tat Hoffnung, Zukunft, Leben zu bringen. Wo sehe ich meine Grenzen, die ich überwinden muss, um die Menschen zu erreichen in meinem Dienst, das Evangelium zu verkünden – in Wort und Tat?

Mein Koffer ist jetzt zu voll, aber er ist zu. Ich bin auch voller Eindrücke. Hier beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro ist ganz viel aufgerissen worden, was bisher wohlgeordnet schien. Hoffentlich bleibt es nicht beim Event, das ein paar Erinnerungen bereithält, sondern bewegt tatsächlich was – in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche, und vor allem in mir …

Sag's weiter!

Kopfschütteln

Beim WJT kommen viele verschieden Kulturen zusammen. Foto: KNA / Oppitz

Beim WJT kommen viele verschieden Kulturen zusammen. Foto: KNA / Oppitz

Ja, Rio ist gefährlich! Und Rio ist ein einziges Chaos! Und was man aus Rio so hört, bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen: Verkehrschaos, Organisationschaos, Regenchaos, …

Ich bin jetzt seit über einer Woche hier, lerne mehr und mehr die Stadt und die Mentalitäten kennen, erlebe, wie immer mehr Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt in diese Stadt strömen, mit ihrer Fröhlichkeit anstecken … oder ist es nicht eher auch umgekehrt? Weltjugendtage sind auch eine kulturelle Begegnung. Und jeder Weltjugendtag hat seine eigene Prägung, die auch der Ortskirche, die diesen vorbereitet, verantwortet. Und das nicht nur kulturell, sondern auch organisatorisch. Meine Erfahrung nach vier Weltjugendtagen ist, dass die Organisatoren sich immer alles gut durchdacht haben – auch, wie sie die Menschenmassen unterbringen, lenken und jeweils direkt zu ihren Zielen führen wollen. Doch versteht man das als Besucher mit einer anderen Kultur und einer anderen Organisationsdenke immer richtig? Oder ergibt sich nicht auch so manches Missverständnis, weil die Organisatoren anders gedacht haben, wie die deutschen Verantwortlichen, anders geplant haben, wie die Pilgerinnen und Pilger aus Simbabwe es gewohnt sind, anders reagieren, als australische Teilnehmende es erwarten? Und wir reden hier von 400.000 bis am Ende vermutlich 2,5 Millionen Menschen, die ganz unterschiedliche Gewohnheiten und Organisationen kennen und leben.

Ich bin froh, dass der Weltjugendtag immer wieder eine solche kulturelle Herausforderung bietet. Es gibt andere globale Großereignisse, die in regelmäßigen Abständen rund um die Welt reisen. Diese kommen wie ein Ufo auf eine Stadt oder ein Land herab, haben feste Gewohnheiten und auch feste Sponsoren, die fast alles Einheimische vertreiben. Das sind Feste für Menschen, die sich nicht auf andere Länder und andere Kulturen einlassen können oder wollen, wo es wohl auch mehr um Gewohnheiten und Kommerz, als um die Begegnung der Menschen geht. Der Weltjugentag bekommt nur wenige Vorgaben aus Rom, alles Organisatorische muss Ortsüblich geklärt und entschieden werden. Gott sei Dank! Ich liebe diese Herausforderung zur Veränderung, zum Umdenken, zum Erleben von Neuem! Alles andere wäre mir zu steril – dann kann ich gleich zuhause bleiben.

Ja, manche Gruppenverantwortliche mussten bei der Registrierung 10 Stunden und mehr anstehen – und haben mit den Brasilianern Samba getanzt. Die Metro ist 2 Stunden ausgefallen, als man sie am dringendsten gebraucht hätte – und die Pilger haben fröhlich im Regen gesungen. Zum Papstwillkommen sind nicht alle am Strand der Copacabana angekommen – und haben sich halt schnell einen Fernseher mit Liveübertragung gesucht.

Das alles ist bitter – oder eine Herausforderung an die persönliche Flexibilität.

Und wenn ich hier mit den Pilgerinnnen und Pilgern und mit ihren Verantwortlichen rede, dann sind sie ein wenig wegen dieser Dinge genervt, feiern aber weiter sich, ihren Glauben, die Begegnung mit den Menschen aus allen Kulturen dieser Erde!

Und wenn ich lese, dass manche, die in Deutschland sind, nicht zum Weltjugendtag gefahren sind, weil sie ob der Gefährlichkeit und des Unvermögens der Organisatoren schon lange wussten, und jetzt hämische Kommentare und Zeitungsberichte darüber auf facebook teilen, dann nervt mich das mehr, als alles, was ich hier erlebe! Ich habe auch selten was zu Essen bekommen, hatte Angst, an der Bahnstation erdrückt zu werden, brauchte 6 Stunden vom Abschlussgelände zu meinem Bus (angekündigt waren zwei Stunden) – aber nicht in Rio. Das war an einem anderen Weltjugendtag, der von den kritischen Organisationsweltmeistern selbst organisiert wurde … Ich bin froh, dass ich hier sein darf und diesen Weltjugendtag miterleben kann!

 

Sag's weiter!

Einmischen

Novia Iguacu

Novia Iguacu

Morgens brachen wir auf nach Nova Iguacu. Die menschliche Not, die dort zu sehen und zu erleben war, ist bedrückend. Vor allem, wenn einem die Worte des heutigen Papstes nachklingen, dass es Menschen gibt, die wie Müll in der Gesellschaft sind – sie leben im Müll, und sie werden weggeworfen und spielen keine Rolle mehr. Sie sind nicht ausgeschlossen, dann würde sie ja noch jemand bemerken, aktiv mit ihnen umgehen. Nein, sie spielen in der Gesellschaft keine Rolle.

Wir besuchten ein Straßenkinderprojekt. Junge Mädchen, die auf der Straße leben und allenfalls noch als Sexobjekt dienen, finden ein zuhause, ein Zimmer, Anerkennung, Würde. Hier ist die Kirche mit ihrer Botschaft von Jesus Christus präsent und greifbar. Hier müssen wir sein,  an den Rändern der Gesellschaft.

Abends dann, zurück in Rio der Eröffnungsgottesdienst. Die Jugend der Welt feiert ihren Glauben und die Liebe Gottes, die in seinem Wort verkündet und in seinem Mahl zur Nahrung wird. Ein gigantischer Aufwand, faszinierende Lichttechnik, mitreißende Musik, junge Menschen, die im Sand der Copacabana, knien, stehen, beten, singen.

Mit den Erfahrungen vom morgen könnte es keinen größeren Gegensatz geben: Hier die Kirche, die sich den jungen Menschen in all ihrem Elend zuwendet, dort die Kirche, die den feiert, der sie zu diesem Tun gerufen hat.

Das ist Weltjugendtag! Glauben, feiern, Tat – vor allem aber die jungen Menschen, die dies alles erleben, was die Welt heute ausmacht und spürt, dass es an ihnen liegt, sich nicht mit diesen Gegensätzen zufrieden zu geben, sondern sich einzumischen und selbst zu handeln, damit diese Gegensätze überwunden werden!

Sag's weiter!

Mystik und Profanes

Grüner Christo auf dem Corcovado

Grüner Christo auf dem Corcovado

Seit Sonntag ist unsere deutsche Delegation, bestehend aus Vertretungen von deutscher Bischofskonferenz, Arbeitsstelle für Jugendseelsorge und Bund der deutschen katholischen Jugend komplett. Heute, am Sonntag, geht es auf den Corcovado, den Berg mit der berühmten Christusstatue. Doch von unten gibt’s erst mal keine Aussicht auf Aussicht: Dichter Nebel entzieht die Statue unseren Blicken.

Doch der Weltjugendtag wäre nicht der Weltjugendtag, wäre da nicht überall die gute Stimmung der Jugendlichen aus aller Welt. Schon die Auffahrt mit der Zahnradbahn ist begleitet von Gesängen Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt zockelt die Bahn durch fast unberührte Natur. Pflanzen, die ich bisher nur aus botanischen Gärten kannte, zum Greifen nah. Oben angekommen, umhüllt uns kalter Nebel, verbunden mit einem Stimmengewirr aus Südamerika, Afrika, Europa, Asien. Ab und zu brandet Jubel auf – wenn der Nebel sich ein verzieht, den Blick auf den Christo freibgibt.

Es hat schon etwas Mystisches, wenn sich aus dem Grau des Nebels langsam die Silhouette zeigt, wieder verdeckt wird, plötzlich sich der Christo ganz klar zeigt und dann wieder alles in einer grauen Suppe verschwindet. Später erleuchten Scheinwerfer Christo und Nebel: passend zum Weltjugendtag in grün (oder vielleicht doch weil wir vom BDKJ da sind? ;).

Höhepunkt auf dem Berg über Rio: die Eucharistiefeier im Sockel der Christusstatue. Ganz ergriffen, von der Möglichkeit, hier Gottesdienst zu feiern, holt uns die Profanität eines der beliebtesten Touristenziele der Stadt ein. Pünktlich zur zweiten Lesung kommt ein Mitarbeiter in die Kapelle, sucht in einem Schrank rechts vom Altar ein paar Absperrsäulen heraus, zieht damit feierlich – wie bei einer Prozession – vor dem Altar vorbei, um eine Leiter aus einem anderen Schrank zu holen, wieder zurück, um an die Absperrkette oben im Schrank zu kommen. Er bringt die Leiter natürlich zurück – da Predigt Bischof Wiesemann über Glaube und Tat. Passt doch. Hier in Brasilien gehört das eben im Gottesdienst direkt zusammen.

Nach der Eucharistie ist Nacht über Rio de Janeiro. Der Nebel hat sich verzogen (naja fast) und die Sicht auf die Stadt entschädigt uns für die vernebelten Momente.

Dieser Christobesuch: Er passt zum Weltjugendtag. Mystische Erfahrungen (eines sich vorsichtig zeigenden, mal klaren, mal verdeckten Christus) und profane Dinge gehören eben zusammen. Hier oben auf dem Christo, dem Himmel so nah, und den Menschen auch.

Sag's weiter!