Barmherzigkeit auf Augenhöhe

Ein sozialer und politischer Auftrag der Jugendverbände

Anfang September öffnet Deutschland die Grenzen und lässt sich in diesem Moment von der Not und dem Elend zehntausender Menschen, die vor Krieg und Terror in Syrien fliehen, anrühren. Und die Geflüchteten verbinden ihre Einreise mit einem Namen: Angela Merkel oder weniger sachlich, dafür emotionaler der „Barmherzigen Mutter Merkel“. Dieser in unseren Ohren befremdlich klingende und neue Titel der Bundeskanzlerin lässt einerseits die große Not und die daraufhin empfundene Dankbarkeit der Geflüchteten erkennen, macht aber auch deutlich, dass der Begriff Barmherzigkeit zunächst einmal kein Maßstab für politisches Handeln ist. Als Frau Merkel später ihre Entscheidung rechtfertigen muss, spricht sie dann auch nicht von einem barmherzigen, sondern von einem notwendigen Handeln. Hätte sie gegenüber der christlichen Schwesterpartei aber nicht einfach auch von Barmherzigkeit sprechen können? Und wäre sie so besser verstanden worden?

„Barmherzigkeit für die schwarzen Schafe“ titelt ein Nachrichtenmagazin im Vorfeld der Familiensynode. Gemeint ist u.a. der Umgang der katholischen Kirche mit homosexuellen Menschen. Warum aber sind Menschen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben, schwarze Schafe? Also, macht man sie nicht zuerst zu schwarzen Schafen frei nach dem Motto: Dich akzeptieren wir, deine Partnerschaft aber nicht, um sich dann barmherzig zu zeigen? In der Frage der Akzeptanz von homosexuellen Menschen mit dem Begriff der Barmherzigkeit zu argumentieren, erscheint unzulässig. Generell lässt sich Barmherzigkeit nämlich auch schnell falsch verstehen. Vielleicht kann nur der barmherzig sein, der vermeintlich oben ist, der es sich leisten kann, der das Sagen hat. Braucht es aber nicht zunächst einen Kontakt auf Augenhöhe, braucht es nicht Gerechtigkeit?

 Barmherzigkeit versus Gerechtigkeit

Jugendverbände setzten sich deshalb in Politik und Kirche für Gerechtigkeit ein, in dem Wissen, dass wir, bevor wir von Barmherzigkeit sprechen, uns gegenseitig zunächst einmal Gerechtigkeit schulden. Dass wir, wenn wir der christlichen Tugend der Barmherzigkeit folgen wollen, immer zuerst danach schauen müssen, ob es denn gerecht zugeht, um eben nicht einer „Barmherzigkeit von oben“ Vorschub zu leisten.

So haben junge Menschen einen tiefen Sensus für das Thema Gerechtigkeit. Wo es darum geht, ungerechte Verhältnisse aufzudecken und neue Wege zu finden, da ist theologisch gesprochen, die prophetische Kraft der Jugend gefragt und im politischen Handeln der Jugendverbände sichtbar.

Werden wir also jungen Menschen im Bereich der Sozialpolitik gerecht, bedenkt man die hohe Kinder- und Jugendarmut in unserem Land, die hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen südeuropäischen Staaten?

Kommen wir unserem Anspruch nach Gerechtigkeit im Bereich der Friedens- und Entwicklungspolitik nach, bedenkt man die Beteiligung deutscher Firmen am internationalen Waffenhandel und die Tatsache, dass wir im Jahr 2015 wieder weniger als die europaweit vereinbarten 0,7% des Bruttosozialproduktes für die Entwicklungszusammenarbeit ausgeben werden?

Es ließen sich hier viele weitere Beispiele finden. Sicher auch innerhalb der Kirche, beispielsweise mit der Frage nach einer angemessenen Beteiligung von Frauen an kirchlichen Leitungspositionen.

Generell bietet sich dem BDKJ mit dem Handlungsprinzip U28, das politisches Handeln danach beurteilt, ob Entscheidungen der Politik dazu dienen, allen heute und in Zukunft lebenden Kindern und Jugendlichen gleiche, gute Lebens- und Teilhabechancen zu ermöglichen, ein Maßstab, um für die Interessen von Kindern und Jugendlichen in allen Politikbereichen einzutreten und so ein Mindestmaß an Gerechtigkeit einzufordern.

Barmherzigkeit dort, wo Not am Mann und an der Frau ist

Nun hat Kardinal Kasper Recht, wenn er in seinem Buch zur Barmherzigkeit andeutet, dass das Streben nach Gerechtigkeit aber eben auch an seine Grenzen geraten kann. Da nämlich, wo es nicht möglich ist, jetzt und sofort gerechte Verhältnisse herzustellen – auch wenn dies unser Auftrag bleibt – ebenso, wie in Notsituationen, die neu und spontan auftreten und so politisches Handeln überfordern.

Dies haben viele Menschen in den letzten Wochen und Monaten verstanden – unter ihnen auch viele Jugendverbandsgruppen – und sich spontan dazu bereit erklärt, ihren Beitrag zu einer Willkommenskultur für Geflüchtete in Deutschland zu leisten. So haben sie gezeigt, wie wichtig es ist, sich anrühren zu lassen von der Not und dem Elend des anderen, wie notwendig es ist, barmherzig zu handeln und so die Stimmung im Land zu verändern. In den Bildern und Begegnungen mit den in Deutschland ankommenden Flüchtlingen wurde für mich jedenfalls ein Stück vom Reich Gottes sichtbar und spürbar, für das die Jugendverbände und die Kirche als Ganze stehen.

Jugendverbände als Orte von erfahrbarer Barmherzigkeit

Schließlich kommt ein weiteres hinzu. Die Haltung der Barmherzigkeit hat gesellschaftliche Relevanz, ist aber im Wesentlichen eine zwischenmenschliche, also persönliche Anforderung an jede und jeden von uns.

Sie steht damit in einer Reihe von Voraussetzungen, die das Leben erst lebenswert machen: Freundschaft, Gemeinschaft, Solidarität und Teilhabe, um nur einige zu nennen. All diese Werte lassen sich nicht verordnen, sondern setzen Räume und vor allem Vorbilder voraus, in denen und durch die sie erlernt und erprobt werden können.

In den Jugendverbänden finden junge Menschen solche Orte, die durch die jugendverbandlichen Prinzipien: christlicher Glaube, Lebensweltbezug, Partizipation, Selbstorganisation, Demokratie, Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit geprägt sind. Hier bilden junge Menschen engagiert und eigenständig Gemeinschaften, fühlen sich verbunden in der Überzeugung, dass Gott jeden Menschen gewollt hat und ihn liebt. Das schließt mit ein, dass Gott hier nicht als ein strafender, sondern als ein befreiender, barmherziger Gott erfahrbar wird: in der gelebten jugendverbandlichen Spiritualität genauso wie im persönlichen Umgang miteinander. In den Jugendverbänden darf man Fehler machen, dürfen diese zur Sprache kommen, sind Umwege möglich. Nur wenn junge Menschen Gott und den Mitmenschen wirklich als barmherzig erfahren, werden sie selbst diesem Vorbild folgen und zu barmherzigen Menschen werden können.

Der Auftrag der Jugendverbände scheint klar: es gilt gegen Ungerechtigkeit in Kirche und Gesellschaft weiterhin aufzustehen, barmherzig zu handeln, wo es Not tut und Räume zu öffnen, in denen Kinder und Jugendliche Gott als den Barmherzigen erfahren.

Es gibt viel zu tun…

Pfr. Dirk Bingener, BDKJ-Bundespräses


Weiterführende Literatur:

Der Anteil der Verbände an der Sendung der Kirche. Beitrag zur Theologie der Verbände. Herausgeber: BDKJ Bundesvorstand, Düsseldorf (Mai 2015).

Barmherzigkeit. – Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens. Walter Kardinal Kasper, Freiburg im Breisgau (2012).


Das Heilige Jahr – Jubiläum der Barmherzigkeit und dessen jugendgerechte Umsetzung wählten Erzbischöfliches Jugendamt und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) München und Freising als Überschrift ihres Jugendarbeitsjahres 2016.  Der Beitrag von Dirk Bingener ist in einem MATERIALIEN-Heft zum Hl. Jahr der Barmherzigkeit erschienen. Das hier bestellt werden kann.

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Ein Gedanke zu “Barmherzigkeit auf Augenhöhe

  1. Nach wie vor gilt das alte BDKJ Motto: Gerechtigkeit schafft Frieden. „Die Haltung der Barmherzigkeit hat gesellschaftliche Relevanz, ist aber im Wesentlichen eine zwischenmenschliche, also persönliche Anforderung an jede und jeden von uns.“ So laßt uns denn, diese persönliche Anforderung an uns mit Leben füllen.

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