In loser Reihe werden hier im Blog große (geistliche) Frauen vorgestellt. Dieses Mal schreibt die BDKJ-Bundesvorsitzende Katharina Norpoth einen Brief an Hannah Arendt und sagt darin, was sie an ihr so beeindruckend findet. Die Blog-Reihe ist initiiert vom BDKJ-Bundesfrauenpräsidium und endet mit diesem Beitrag. Eine Übersicht der erschienen Texte gibt es hier.

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Hannah Arendt lebte von 1906 bis 1975. Ihre Kindheit verbrachte Hannah in Hannover, Königsberg und Berlin. Ihr Studium führte sie an die Universitäten Marburg, Freiburg und Heidelberg. Sie arbeitete als Wissenschaftlerin und Publizistin.


Liebe Hannah,

zu Deiner Zeit gab es weder Blogs noch Facebook. Auch wenn es die Möglichkeit damals schon gegeben hätte, glaube ich, dass es nicht Deine Art gewesen wäre, Dich in der Öffentlichkeit darzustellen. Du hast nie zu viel von Dir in der Öffentlichkeit verraten – immer im wohldosiertem Maße. Viel häufiger hast Du Bücher, Essays oder Briefe geschrieben, um Deine Gedanken anderen Menschen mitzuteilen. Doch nur in Briefen an besonders gute Freunde hast Du ein wenig von Dir preisgegeben.

Du hast Dich immer wieder mit aktuellen Themen der Zeit beschäftigt, die die Gesellschaft oder Dich persönlich bewegten. Du hast Dich kritisch und konstruktiv mit diesen Dingen auseinandergesetzt. Dabei waren Deine Gedanken oftmals nicht „mainstream“, sondern haben aufgewühlt und Dinge in Frage gestellt. Manchmal waren Deine Gedankengänge für andere Personen nicht nachvollziehbar und unbequem. Davon hast Du Dich kaum beeindrucken lassen. Vom teilweise großen öffentlichen Druck als Reaktion auf Deine Veröffentlichungen oder Äußerungen hast Du Dich nicht unterkriegen lassen, sondern hast dem standgehalten.

Grundsätzlich warst Du sehr kritisch gegenüber den Äußerungen und Ansichten Deiner Mitmenschen. Trotzdem hast Du ihnen eine Chance gegeben. Für Deine Freundinnen und Freunde hattest Du stets ein offenes Ohr und eine offene Tür. Sie haben Dich immer für Deine Gastfreundschaft geschätzt. Sie fanden immer Rat bei Dir.

Ebenso hattest Du große Freude daran, an verschiedenen großen Universitäten in den USA zu lehren und den Studierenden dort Deine Denkweisen nahe zu bringen.

Wegen Deiner jüdischen Prägung bist Du zur Zeit Hitlers aus Deutschland vertrieben worden und dann über einige Umwege in die USA gelangt. In den USA hast Du ein neues Leben aufgebaut. Der Weg war nicht einfach und hat Dir viel abverlangt. Dennoch hat Dich Dein eiserner Wille und scharfer Verstand weitergebracht zu Deinem Ziel. Es war nicht Deine Art aufzugeben, so dass Du nach vorne geblickt und neue Anfänge gewagt hast. Besondere Kraft hat Dir Dein Mann, Heinrich Blücher, gegeben, dem Du immer treu warst und der Dir immer zur Seite gestanden hat – egal in welcher Situation.

Mit den Männern war es nicht ganz einfach bei Dir: Deine erste große Liebe galt Martin Heidegger, einem bekannten Philosophen seiner Zeit. Er war einer Deiner ersten Lehrer, der Dich nicht nur mit seiner Lehre beeindruckte. Als sich Heidegger jedoch dann im Nationalsozialismus einsetzte, sagte Dir Deine Vernunft, dass es besser sei, sich von ihm zu distanzieren. Dennoch blieb eine weitere Faszination. Der Kontakt war weiterhin, wenn auch manchmal nicht regelmäßig, aber beständig. Mit Günther Stern warst Du einige Jahre verheiratet, hast Dich aber schnell wieder scheiden lassen. Ein weiterer wichtiger Freund war für Dich Karl Jaspers. Auch er war zunächst Dein Lehrer, der Dich immer unterstützte und förderte. Mit ihm konntest Du Dich auf wissenschaftlicher ebenso gut austauschen wie auf privater Ebene. Heinrich Blücher hast Du dann 1936 in Paris kennengelernt und 1940 geheiratet. Mit ihm verband Dich eine tiefe Liebe, die bis zu seinem Tod und darüber hinaus Bestand hatte.

Jaspers unterstütze Dich sehr in der Zeit, als Du wegen Deiner Veröffentlichungen zum Eichmann-Prozess, den Du in Jerusalem mit begleitet hast, angefeindet wurdest. „Die Banalität des Bösen“ war ein Beispiel für Deine besondere Art des Denkens und Infragestellens. Es war eben nicht eine Betrachtung und Beschreibung der Dinge, wie sie den meisten gefiel.

Auch wenn Du es nie so bezeichnet hättest, warst Du sehr emanzipiert und hast nicht viel darauf gegeben, dass Frauen auch an Universitäten lehren. Es war für Dich selbstverständlich, was Du gemacht hast. Warum auch nicht!? Du warst ja deswegen nicht weniger Frau, weil Du Dinge getan hast, die sonst nach der öffentlichen Meinung Männern vorbehalten waren. Du warst eine starke Frau!

Eben diese unkonventionelle Art und die Art und Weise, Dinge aus Perspektiven zu betrachten, auf die kaum ein Mensch kommen würde, die aber eine ganz andere Sicht auf die Dinge bietet, schätze ich sehr an Dir! Du hast immer das gemacht, was Du wolltest und wonach Dir war, ohne in dem gesellschaftlichen „Korsett“ eingeschlossen zu bleiben. Ich würde gerne einmal persönlich mit Dir sprechen können, mehr lernen und über Gott und die Welt reden. Frauen wie Dich bräuchte es auch heute noch, die einfach machen, was sie denken und was sie wollen.

Herzliche Grüße

Katharina


Mehr zum Leben von Hannah Arendt unter: http://www.hannaharendt.net/index.php/han/pages/view/vitaArendt

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Ein Gedanke zu „

  1. Liebe Katharina,
    Liebe Leserinnen,
    “ Frauen wie Dich (Hannah Arendt) bräuchte es auch heute noch, die einfach machen, was sie denken und was sie wollen.“
    Dann seid und werdet doch einfach diese Frauen, wie ich sie auch im BDKJ und seinen Mitgliedsverbänden immer wieder schon kennengelernt habe.
    Unsere Kirche, Gesellschaft und die Welt braucht euch, also seid ihr selbst, glaubt an euch und eure Ideale und habt Freude am Leben.

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