Kirche mit Allem

„Ey, so echt mit Kirche und alles?“ – Ja, so echt mit Kirche und alles. Und auch mit ohne Sex vor der Ehe? Mit ohne Verständnis für gescheiterte Partnerschaften? Mit ohne Platz für Schwule?

In der Stadt, aus der ich komme, ist es normal, kein Christ zu sein, denn in der immerhin zweitgrößten Stadt Deutschlands liegt der Anteil der katholischen und evangelischen Christen laut Lohnsteuerkarte zusammen nur bei 44%[1]. Der Katholik an sich ist hier eher ein Exot. Ich bin katholisch – dieses Selbstverständnis setzt junge Menschen etlichen Anfragen aus ihrem (oft mehrheitlich säkular geprägten) Umfeld aus. Die Frohe Botschaft des Evangeliums müsste hier erstmal durch zwei, drei dicke Ressentiment-Schichten, bevor sie auf offene Ohren trifft. Mit Ewiggestrigen, Rückwärtsgewandten und Intoleranten will man nichts zu tun haben – doch genau so wird Kirche häufig wahrgenommen.

Fragen wie die der Zulässigkeit von Verhütungsmitteln, über die in Rom derzeit Bischöfe im Rahmen einer Synode beraten, sind für diese Zielgruppen in Wahrheit längst passé:

Junge Menschen haben dazu ein aufgeklärtes und zugleich unaufgeregtes Verhältnis: Auch junge Katholikinnen und Katholiken haben die Frage, ob ein Kondom zu verwenden okay ist, längst für sich beantwortet. Den Rest interessiert es gar nicht, was die kirchliche Morallehre dazu zu sagen hat – oder, schlimmer, die Außenwirkung lässt Kirche abweisend und weltfremd wirken. So verliert sie den Anschluss an weite Teile der Bevölkerung.

Dabei ist das so schade! Denn gerade in unseren bewegten Zeiten erlebe ich im diasporageprägten Norden Deutschlands und anderswo gleichermaßen, dass junge Menschen nach Orientierung suchen: Wie soll ich mein Leben gestalten? Sollte ich es wagen, eine Familie zu gründen? Kann ich mir das leisten? Was, wenn mein Job so unsicher ist, dass das ökonomisch waghalsig scheint?

Das betont auch die soeben erschienene Shell-Jugendstudie.[2] Sie berichtet darüber hinaus auch von einer Generation, die verhalten positiv nach vorn blickt; eine Generation, der Beziehungen, Familienleben und Solidarität mit den Schwächeren in der Gesellschaft wichtig ist; eine Generation, der trotz – oder gerade wegen – der globalen Bedrohungen und auch europäischen Herausforderungen, die wie eine Dunstglocke über allem schweben, ein pragmatisches Herangehen an politische Fragestellungen in ihrem Sozialraum wichtig ist.

Wo junge Menschen sich selbst organisieren, wie bei uns in den Jugendverbänden, finden sie Wege, mit diesen Herausforderungen umzugehen: sie führen Sozialaktionen durch und setzen sich ein für andere, sie zeigen große Offenheit für Nicht-Fromme, für Geflohene, sind inklusiv, sie feiern Gottesdienst, so wie es eben passt, sie leben in Gruppenstunden, Fahrten und Aktionen Gemeinschaft nach christlichen Werten; sie sind so Kirche und gleichzeitig politisch aktiv.

Wie niederschmetternd, wenn nach diesen Mühen wieder fatale Neuigkeiten des Stillstands aus Rom kämen! Nach Wegen suchen, wie wir Antworten auf die Fragen und Bedürfnisse junger Menschen von heute geben können, ist auch die Aufgabe von pastoraler Arbeit, von Amtsträgern in der Kirche.

Doch aus Rom braucht es keinen fulminanten Aufbruch, keine global angelegte Reform, keine proaktiven Initiativen: es braucht nur die Größe, mit offenen Armen auf das, was sich heute so entwickelt, zuzugehen, es zuzulassen und anzuerkennen. Bei der Weihe wird den Bischöfen schließlich nicht der Codex des Kanonischen Rechts oder der Katechismus auf das Haupt gelegt, sondern die Bibel – das Buch, in dem wir Jesu Wort „liebt einander!“ lesen.

Das heißt heute: unterschiedliche Formen aufrichtiger Partnerschaften respektvoll zu begrüßen, einzuladen zu transparentem und ehrlichem Miteinander-Sprechen und einem Umgang auf Augenhöhe, den Menschen beiseite zu stehen und partnerschaftlich in Seel-Sorge die Hand zu reichen statt durch kirchenrechtliche Normen auszugrenzen.

Junge Menschen sind Teil von Familien und ganz gewiss sind sie die Familiengründerinnen und –gründer und Verantwortungstragende von morgen. Sie sollten angemessen mit ihren Einstellungen und Haltungen, mit ihren Ansprüchen an das, was ein gutes Leben für sie bedeutet, berücksichtigt werden. Sie sind Zukunft.

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[1]Statistische Ämter des Bundes und der Länder, http://www.statistikportal.de/Statistik-Portal/de_jb01_z4.asp

[2] vgl. hierzu: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/was-glaubt-unsere-jugend

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Ein Gedanke zu „Kirche mit Allem

  1. Lieber Martin, ein genialer Kommentar! Denn ein bisschen steckt in „Kirche mit Allem“ auch von „Kirche mit Allen“, und genau das wollen wir als Jugendverbände: Alle Menschen annehmen, niemanden ausgrenzen wegen Herkunft, Geschlecht oder gar sexueller Orientierung!

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