25 Jahre Mauerfall: Von grauen Flecken auf der Landkarte und neuen Mauern in der Welt

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze wurde geöffnet. Stefan Malik (Referent für Freiwilligendienste) und Yvonne Everhartz (Referentin für Jugendpolitik, Mädchen- und Frauenpolitik und Genderfragen) sprechen 25 Jahre danach über das Aufwachsen in Ost und West, kleine und große Freiheiten und heutige Grenzen. Yvonne ist 1985 bei Aachen geboren und dort aufgewachsen, Stefan wurde 1978 in Halberstadt geboren und ist dort aufgewachsen. Heute arbeiten sie gemeinsam im Berliner Büro der BDKJ-Bundesstelle.

Ihre Geburtsorte trennen fast 500 Kilometer, wenn sie sich heute über den Mauerfall austauschen wollen, brauchen sie nur über den Flur im Berliner BDKJ-Büro.

Ihre Geburtsorte trennen fast 500 Kilometer, wenn sie sich heute über den Mauerfall austauschen wollen, brauchen sie nur über den Flur im Berliner BDKJ-Büro.

Yvonne: Ich habe ja bei Diskussionen zu diesem Thema schon häufiger gemerkt, dass es in unserer Kindheit zumindest einen großen Unterschied gab: Was war als Kind deine Lieblingssendung im Fernsehen?

Stefan (lacht): Als ich geboren wurde hatten meine Eltern noch gar keinen Fernseher. Später gab es dann einen Schwarzweiß-Fernseher und ich habe gern den „Sandmann“ geguckt. Fernsehen war auf jeden Fall immer eine Gemeinschaftssache bei uns zu Hause, als ich älter war, haben wir auch zusammen westdeutsche Serien wie „Lindenstraße“ und „Schwarzwaldklinik“ geguckt. Bei uns konnte man das ganz gut empfangen.

Yvonne: Bei uns konnten wir gut holländisches Fernsehen empfangen. Das fand ich aber erst später spannend, weil da viele Filme im Original laufen. Als Kind habe ich gern Sesamstraße geguckt

Stefan: Oh, die mochte ich auch!

Yvonne: Und die „Sendung mit der Maus“! Die mag ich heute noch. Und was hast du als Kind gern gespielt?

Stefan: Wir waren als Kinder ganz viel bei uns im und um das Wohngebiet unterwegs. Ich bin mit Freundinnen und Freunden und den Fahrrädern raus aus dem Viertel in den Park und dann am liebsten Klettern in den Bäumen. Wichtig war uns außerhalb des Sichtfelds unserer Eltern zu sein.

Yvonne: So was hab ich auch gemacht. Wir waren bei uns in der Nähe auf dem Spielplatz oder auch im Wald unterwegs. Bei mir zu Hause nannte man das „ströfen“: im Wörterbuch wird das mit „(abenteuerlustig) herumstreifen“ übersetzt, das passt finde ich ganz gut.

Der Herbst 1989

Yvonne: Wie hast du denn von den ganzen Ereignissen im November 1989 erfahren?

Stefan: Irgendwie hatte ich schon früher im Herbst mitbekommen, dass irgendwas im Busch war. Ich war mit meinem Vater auch bei einigen Montagsdemos in Halberstadt dabei. Meistens mit vielen Leuten aus unserer Gemeinde. Da lag damals was in der Luft, ich hab obwohl ich ja erst 11 Jahre alt war gemerkt, dass diese Demos anders waren, als beispielsweise die am 1. Mai. Dass die Grenze offen ist, haben meine Eltern mir morgens am 10. November 1989 erzählt. Auf dem Schulweg habe ich mit einem Klassenkameraden gleich überlegt wo wir jetzt hinreisen können. Das fanden wir toll.

Yvonne: Wahnsinn, das waren eure ersten Überlegungen? Ganz schön weitsichtig! Und wo wolltest du hinreisen?

Stefan: Das weiß ich nicht mehr, aber es war irgendwas in Europa. Vielleicht in die Berge oder nach Frankreich ans Meer. Wir wollten die grauen Flecken auf der Karte aus dem Geographie-Unterricht füllen. Wie war das bei dir?

Yvonne: Ich habe das tatsächlich im Fernsehen gesehen. Ich war damals vier und meine Eltern haben im Fernsehen die Demonstrationen und den Mauerfall gesehen. Aber zu diesem Zeitpunkt war das für mich sehr weit weg. Ich bin ja direkt neben Holland und Belgien aufgewachsen. Das war viel konkreter, auch wenn ich diese Ländergrenzen nie als Grenzen wahrgenommen habe. Außerdem ist 1989 mein Bruder geboren, das war mein großes Ereignis in diesem Jahr.

Stefan: Hat sich denn in deinem Leben zum Beispiel in der Schule irgendwas verändert?

Yvonne: Ich hatte einige Zeit später eine neue Klassenkameradin: Amelie. Die ist mit ihrer Familie aus Greifswald zu uns in den Ort gezogen und Amelie ging dann in meine Klasse und wurde meine Freundin. Allerdings hat es bei uns beiden nie eine Rolle gespielt wo sie her kam, außer dass das etwas weiter weg war. Bei dir gab es vermutlich mehr Veränderungen, oder?

Stefan: Ja. Unser ganzes Schulsystem wurde weitgreifend verändert. Aus der „polytechnischen Oberschule“, an der ich mich befand, wurde im Laufe des Jahrgangs 1989/90 ein Gymnasium. Wir bekamen neue Fächer, neue Schulbücher und natürlich neue Landkarten – ohne graue Flecken.

Begegnungen mit Ost- und Westdeutschland

Stefan: Wann warst du denn das erste Mal in Ostdeutschland?

Yvonne: Als ich das erste Mal in Berlin war. Da war ich so 17 Jahre alt. Vorher hab ich Ostdeutschland nur über die DDR als geschichtliches Ereignis und aus den Medien gekannt. Die prominenteste „Mauer“ in meiner direkten Umgebung war der Westwall, über den wusste ich mehr als über die Berliner Mauer. Jetzt lebe ich seit zehn Jahren hier in Berlin und wechsle täglich zwischen Ost und West.Und wann warst du das erste Mal im Westen?

Stefan: Ende November 1989. Da sind wir mit der Familie nach Wolfenbüttel gefahren. Obwohl das nur 70 km entfernt lag, haben wir für die Hin- und Rückfahrt über 5 Stunden gebraucht. Das lag sicherlich auch an den damaligen Straßenverhältnissen, vor allem aber an den tausenden Menschen, die zu ihren ersten Besuchen im Land hinter der Grenze unterwegs waren. Wir sind dann dort auf dem Weihnachtsmarkt gewesen und haben uns von einem Teil unseres Begrüßungsgeldes – welches mein Vater erst gar nicht abholen wollte – Süßigkeiten gekauft. Den Rest haben wir gespart. Außerdem habe ich da ein „Mickey Maus“-Heft geschenkt bekommen, zusammen mit einem Sonderheft „Oliver & Co“, das ich noch ganz lange aufbewahrt habe. Als ich viel später das erste Mal in Berlin war, war die Mauer schon komplett weg. Als ich dann hier studiert habe, hab ich mich im Studium und in der Katholischen Studierenden Gemeinde noch mal intensiver mit der Wende und den historischen Ereignissen beschäftigt.

Yvonne: Ja, ich habe auch im Studium zwei Seminare dazu belegt. In einem haben wir damals eine ganze Sitzung lang darüber diskutiert, mit welchen Begriffen man über die Ereignisse damals spricht und was das bedeutet. Sagt man „Wende“, „Mauerfall“, „Herbst 1989“ und spricht man später von „Einheit“, „Wiedervereinigung“ oder sagt man etwas ganz anderes. Das fand ich damals eine sehr anstrengende Diskussion, weiß aber heute wie wichtig die Wortwahl ist.

Stefan: Ich sage in der Regel „Wende“. Das liegt auch daran, dass das eine Wende in meinem Leben war und meine Erinnerung auch in „vor und nach der Wende“ geteilt ist.

Die große Freiheit

Yvonne: Was macht heute den größten Unterschied für Kinder und Jugendliche in Deutschland, verglichen mit deiner Kindheit in der DDR aus?

Stefan: Die Freiheit überall hin zu reisen! Ich war mit 14 das erste Mal im Ausland, in Österreich. Meine Tochter ist mit ihren gerade einmal dreieinhalb Jahren schon in fünf Ländern gewesen! Reisen bringt einen unglaublichen Weitblick und ein viel größeres Selbstverständnis für kulturelle Unterschiede. Ich hoffe, dass diese Erfahrungen bei meiner Tochter auch zu einer größeren Freiheit im Denken führen, als bei mir als Kind.

Yvonne: Dann würdest du die Möglichkeit unbegrenzt zu reisen sicher auch als größte Freiheit in deinem heutigen Leben bezeichnen, oder? Was war als Kind deine größte Freiheit?

Stefan: Ja, heute definitiv Reisen. Als Kind dieses mit den Nachbarskindern nachmittags unterwegs zu sein, und zwar ohne Erwachsene. Das was du „ströfen“ nennst.

Heutige Grenzen

Stefan: Welche Grenzen erscheinen dir heute besonders wirkmächtig?

Yvonne: Die Grenzen nach Europa beziehungsweise in die Europäische Union. Wenn auf dem Euromaidan in der Ukraine Menschen für europäische Freiheiten auf die Straße gehen, bekomme ich Gänsehaut. Wenn ich höre, dass wieder ein Boot mit Geflüchteten vor Europas Küsten gesunken ist, werde ich wütend. Vor allem, wenn ich dann die Reaktionen in der deutschen Politik höre – kein Mensch flieht ohne Grund!

Stefan: Ich habe auch als ich 2000 in Israel war gemerkt, wie tief die Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen dort empfunden werden und war schockiert als dort Jahre später eine Mauer gebaut wurde. Ich wünsche mir wirklich, dass wir dort irgendwann einen langwährenden Frieden erleben.

Yvonne: Und wie blickst du heute auf die Ereignisse vor 25 Jahren zurück? Findest du, dass wir einen guten Umgang mit diesem Teil unserer Geschichte haben?

Stefan: Ich würde mir manchmal mehr Wertschätzung für die Ereignisse vor 25 Jahren wünschen und vor allem natürlich für die Menschen, die dafür gestritten haben. Gleichzeitig müssen wir aber noch ehrlicher darüber reden, wie wir mit denen umgehen, die Unrecht getan haben. Das ist nicht immer einfach.

Mehr zur Geschichte des BDKJ unter http://www.bdkj.de/bdkjde/der-bdkj/ueber-uns/geschichte.html

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