„Tief beeindruckt“ – Bischof Wiesemann bloggt aus Nova Iguacu

Gestern sind wir von Rio aus in die Nachbarstadt Nova Iguaçu gefahren, um dort den Paderborner Johannes Niggemeier in seinem Projekt zu besuchen. Nova Iguaçu heißt „neues großes Wasser“ und liegt im Norden Rios, ist sogar ein Bischofssitz. Der Himmel ist wolkenverhangen als wir, an Hafen- und Industrieanlagen vorbei, Rio verlassen. Unser Bully-Fahrer Isidoro kennt den Weg, er ist ein Mitarbeiter von Johannes Niggemeier. Triste Ausfallstraßen, eintönig und beliebig, bringen unsere Delegation zunächst zu einer Krankenstation des Projektes AVICRES. Der Name kommt von Associação Vida no Crescimento e na Solidariedade, also „Gemeinschaft für das Leben, damit es wachse in Solidarität“. Dahinter verbirgt sich ein brasilianisches Sozialnetzwerk für die wirklich Ausgeschlossenen in der Gesellschaft, darunter viel zu viele Kinder- und Jugendliche.

„Schön, dass ihr da seid, Bem-vindo,“ begrüßt Johannes Niggemeier uns herzlich vor dem Eingang zur Krankenstation. Vor 28 Jahren kam der Religionspädagoge zum ersten Mal nach Brasilien. Tief beeindruckt von der Befreiungstheologie und überzeugt davon, aus christlicher Motivation etwas tun zu müssen, gründete er 1991 zusammen mit einer Psychologin und einem Pfarrer aus Brasilien ein Projekt, das sich um körperlich und seelisch verletzte Menschen kümmert. In die Krankenstation kommen über 20.000 Leute im Jahr, darunter 7.000 Kinder und Jugendliche. Sie alle können sich die teure private Gesundheitsversorgung im Land nicht leisten.

Später fahren wir weiter in die Stadt hinein. Zerfallene flache Häuser säumen den Weg, selbst die wenigen gepflasterten Straßen haben riesige Schlaglöcher. Mutlosigkeit liegt in den Blicken der Menschen, an denen wir vorbeifahren, nicht selten auch Misstrauen. Johannes erzählt, dass die Lage immer schlimmer wird, seit die Stadt sich vorgenommen hat, die Favelas für die Fußball-WM zu „befrieden“. Polizei und Militär verjagen die Kriminellen, die sich ungestört in andere Stadtteile zurückziehen und diese unsicher machen. „Es gibt Tage“, so  Johannes, „da haben wir zehn Mordopfer und niemanden kümmert es“. Drogen spielen eine Rolle, auch Überfälle sind an der Tagesordnung.

In diesem Klima haben Kinder es unfassbar schwer. Sie erleben tagtägliche Gewalt, auch dort, wo sie Geborgenheit und Liebe erfahren sollten, in der engsten Familie. Dann stehen auch schon mal zwei Mädchen vor dem Tor und bitten darum, im Mädchenhaus des Vereins Zuflucht finden zu können. Früher lebten 20 Mädchen dort, aber seit der Verein auch Tagesbetreuung für Kinder- und Jugendliche aus der Nachbarschaft anbietet, sind am Tag oft bis zu 100 im Haus. Geht es nach dem Staat, so darf es diese Kinder nicht geben, jetzt, wo Rio und Umgebung sich für die kommenden Großereignisse Fußball-WM und Olympische Spiele hübsch machen. Ein neues Jugendgesetz ermöglicht es, solche Heime einfach zu schließen. Die Kinder landen wieder auf der Straße. AVICRES musste vier Heime aufgeben. Seitdem setzt man verstärkt darauf, vorbeugend mit offenen Bildungsangeboten und Tagesbetreuung zu helfen. Was der Verein tut, hat mich tief beeindruckt. Gleichzeitig denke ich darüber nach, wie viel Solidarität und Gerechtigkeit die vielen, vielen Ausgeschlossenen Brasiliens noch brauchen und wie wichtig es ist, dass Papst Franziskus sich an die Seite der Armen stellt. (Bilder: KNA / Harald Oppitz)

Das Projekt wird unter anderem unterstützt vom Erzbistum Paderborn und dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Mehr Informationen unter http://www.avicres.de/wir-werwirsind.htm.

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