Die Sache mit dem verlorenen Handy

Das verlorene Handy. Foto: Michael Kreuzfelder

Das verlorene Handy. Foto: Michael Kreuzfelder

Rio ist gefährlich. Bewaffnete Polizisten räumen Favelas. Menschen, die in den Armenvierteln für immer verschwinden. Drogen. Gewalt. Das ganze Elend einer lateinamerikanischen Millionenmetropole. Wahr davon ist wahrscheinlich alles. Erlebt habe ich etwas Anderes.

„Das siehst Du nicht mehr wieder“. Gemeint ist mein Handy. Entweder fährt es in der Corcovado-Bahn immer hoch und runter. Oder liegt noch im Taxi. Und das ist längst über alle Berge. Karte sperren lassen? Bei der Corcovado-Bahn anrufen? „Das siehst Du eh nicht wieder“ – sagen mir die Leute. Sim-Karten-Sperrnummer raus suchen… Echt ärgerlich. Wieder und wieder rufe ich meine eigene Nummer an. Vielleicht hört es ja jemand. Aber: nichts. Echt ärgerlich. Vor allem wegen der Bilder. Und relativ neu war das Ding auch noch. „Das siehst Du nicht wieder“, sage ich mir jetzt langsam auch. Es ist schließlich Rio hier.

Ein Mal probiere ich doch noch anzurufen. Vielleicht liegt es ja im Taxi und der Fahrer hört es. Nix. Wie sollte er mich hier auch finden? Er weiß ja nicht, wo wir nach dem Rauslassen genau hin sind. Ins Restaurant. Ach, ja. Essen. Wahrscheinlich kann der Taxifahrer das Geld gut gebrauchen, dass er beim Verkauf meines Handys bekommt. Vielleicht ist es ja doch in der Corcovado-Bahn? Ich esse und verabschiede mich von meinem Handy, den Bildern und der Hoffnung. Echt ärgerlich.

Ich glaube, ich bin noch nie in meinem Leben einem Taxifahrer um den Hals gefallen. Er kann kein Englisch, ich kein Portugiesisch. Die Sprache einer festen Umarmung verstehen wir beide. Denn damit hätte ich nicht gerechnet.

20 Minuten nach dem ich bemerkt habe, dass es weg ist, kommt der Taxifahrer auf das Restaurant zu. Ich stehe auf, laufe ihm entgegen. Er drückt mir das Handy in die Hand und ich den Taxifahrer. Er hat es Schellen gehört. Bedeutet er mir in Gesten. Dann ist er umgedreht. Hat mich gesucht, gefunden – und glücklich gemacht. Aber auch ein bisschen beschämt. Denn dass das möglich ist, daran hatte ich nicht ernsthaft geglaubt. Warum eigentlich nicht? Weil wir in Rio sind?

Als wir uns verabschieden drückt er mich. Weil er merkt, wie sehr ich mich freue. Weil er merkt, dass er mir eine Riesenfreude gemacht hat. Ja, ich freue mich. Und zwar darüber, dass das hier passiert ist. Mehr noch, als über das Handy. (Michael Kreuzfelder, Pressesprecher mit Handy)

 

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